Zwischen der ersten und zweiten Fotografie liegen etwas mehr als 15 Jahre. Eineinhalb Jahrzehnte kam Gudrun Pausewang regelmäßig den  Einladungen zu Lesungen an meine jeweiligen Schulen nach; in Wiesbaden, an einem privaten Gymnasium im Jahr 2000, schlossen wir Freundschaft, ...

... welche  sich zwischen 2001 und 2004 bei Lesungen im Oberallgäu in Oberstdorf und Sonthofen vertiefte. In den Sommerferien konnte ich sie viele Jahre, oft zum Ferienauftakt, ein paar Tage in ihrer Wahlheimat Schlitz besuchen. Ich genoss die unglaubliche Szenerie dieser  Burgenstadt mit dem dicksten Turm, der sich jedes Jahr im Advent in eine die Stadt überragende Adventskerze verwandelt. Vor allem genoss ich ihre Gastfreundschaft; sie war eine „Menschensammlerin“ und stiftete mit Leidenschaft Freundschaften. Schlitz bei Fulda ist auch der Schauplatz  ihres  bekannten Buches  „Die Wolke“. Mit diesem Roman, der als unmittelbare Folge der Tschernobyl-Katastrophe entstand, wird sie von so manchem Leser, mancher Leserin völlig gleichgesetzt. Folglich entdeckte  man kurz nach ihrem Tod am 23. Januar 2020 im Internet Artikel mit dem Titel „Frau Wolke ist tot.“ - Gerade fällt mir ein: Einen  Tag vor Fukushima war ich auch bei Gudrun Pausewang zu Besuch; wir freuten uns auf den Frühling im März 2011 und ahnten natürlich nicht, dass schon wieder eine Reaktorkatastrophe unmittelbar bevorstand.

Als „Frau Wolke“ wollte  Gudrun Pausewang nicht so gerne bezeichnet werden, noch viel weniger als „Lehrerin der Angst“, wie es ausgerechnet in der renommierten Wochenzeitung  „Die Zeit“ zu Silvester 2003 hieß. Das setzte ihr zu, denn sie nahm ihre Leserinnen und Leser ernst, besonders die Kinder und Jugendlichen. Sie mahnte, aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit Texten, in denen Kinder und Jugendliche  sich den Herausforderungen stellen- mit mehr Bravour oft  als viele Erwachsene. Das, was sie  in ihren Romanen und Erzählungen meistern, können sie auch als Leserinnen und Leser aushalten und bestehen. Da sind auch wir Lehrerinnen  und Lehrer sowie die Eltern gefordert: Es gibt Bücher, über die man sprechen muss und nicht nur im stillen Kämmerlein gelesen werden sollten. „Die Wolke“, „Die letzten Kinder von Schewenborn“, „Die Not der Familie Caldera“ oder „Adi“ - ein Buch  zur Jugend eines Diktators - sind solche Texte.

Am SGA wurde sie gelegentlich von älteren Schülerinnen und Schülern mit einem „Da sind Sie ja wieder“ begrüßt.  Es waren Jugendliche, die in der 6. Jahrgangsstufe an einer Lesung teilgenommen hatten und nun, Jahre später, sie wieder erkannten, wenn ich anlässlich einer aktuellen Lesung mit ihr durch das Schulgebäude lief.

Das zweite Bild zeigt sie bei ihrer letzten Lesung am Spessart- Gymnasium am 1. Juli 2015. (Tatsächlich las sie erstmalig am SGA am 1. Juli 2005). Zuhörer waren 2015 die Schülerinnen und Schüler der 10i. Eine Lesung vor großem Publikum wollte ich ihr nicht mehr zumuten. Sie war zwischenzeitlich 87. Das dritte Foto entstammt einer Lesung aus dem Jahr 2008. Damals vor großem Publikum in unserer noch neuen Mensa. Sie freut sich über die Gespräche und das Signieren ihrer Bücher, wie die Profilaufnahme  ihres strahlenden Gesichtes zeigt.

Ein häuslicher Unfall nur vier Monate nach der Lesung 2015 bei uns beendete ihre Lesereisen. Wir waren eine ihrer letzten Schulen, wenn nicht überhaupt die letzte Schule, wo sie sich an ein junges Publikum wenden konnte. 

Am 12. März 2020 erscheint in Leipzig auf der Buchmesse  eine Neubearbeitung ihres 1988 herausgekommenen Bilderbuches „Kinder in der Erde.“ Das Buch ist neu illustriert und der Text modernisiert. In ihrem Vorwort vom 21. Juli 2019, das sie noch mit großer Mühe mit dem Germanisten Dr. Uwe Jahnke verfasste,  spricht sie ihre Hoffnung aus, dass die gegenwärtige  Generation der jungen  Klimaaktivistinnen  und Klimaaktivisten sich nachhaltig gegen die Ausbeutung und Zerstörung der Erde wehrt.

Gudrun Pausewang hat sich eine Buche im Friedwald Ebermannstadt  ausgesucht,  wo sie am 15. Februar beigesetzt wurde. - Sie war auch eine große Tierfreundin und lebte vegetarisch seit Jahrzehnten. Die „Kinder in der Erde“ werden vollständig vegan  hergestellt, wobei auch die Bäume geschont werden: Das Buch wird im ersten veganen Verlag „Matabooks“ auf Graspapier gedruckt.

Von Heike Schäfer