Am 01.03.2018 durfte das Spessart-Gymnasium Alzenau Dr. Ali Fathollah-Nejad in seinen Räumlichkeiten begrüßen. Den 13 Schüler*innen des P-Seminars unter der Kursleitung von StRin A. Mavroidi "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" und der Fachschaftsbetreuerin für Sozialkunde, OStRin I. Bambeck, ...

... war es eine große Ehre und Freude, dass ein international angesehener Politikwissenschaftler, der bei der DGAP (=Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin) beschäftigt ist und zur Zeit als Gastdozent beim Brookings Institute in Doha arbeitet, mit angehend 700 Schüler*innen aus der Mittelstufe, den Q11- und Q12-Phasen sprach. Der Titel seiner drei thematisch gleichen Vorträge lautete: "Europa und seine Nachbarregion: Reflexionen und Lehren aus dem ‚Arabischen Frühling' bis hin zum ‚Krieg gegen den Terror'".

Es war erstaunlich zu sehen, mit welcher Leichtigkeit und Zugänglichkeit ein Akademiker, der es sonst gewohnt ist, mit Student*innen, Diplomat*innen und Politologen in verschiedenen Sprachen zu kommunizieren, den interessierten Schüler*innen Einblicke in komplexe und hochpolitische Zusammenhänge verschaffte. So erfuhren die Anwesenden, dass der Begriff "der Nahe Osten" aus einer eurozentrischen Sicht der ehemaligen Kolonialmächte heraus geprägt wurde und heute vielleicht besser durch die wertneutralen Begriffe "Nordafrika" und "Westasien" ersetzt werden könnte. Außerdem wurde deutlich, dass der europäische Kontinent historisch schon immer mit Nordafrika und Westasien eng verwoben war und einen gemeinsamen geopolitischen und ökonomischen Raum darstelle. Die Tatsache, dass diese Aussage nach wie vor gelte, merke man beispielsweise daran, dass ein Krieg in Syrien durch die Migrationsbewegungen der fliehenden Zivilbevölkerung einen unmittelbaren Einfluss auf die europäische Politik nehme. Andersherum hätten politische Entscheidungen des Westens, also der USA und der EU, dazu beigetragen, dass sich bestimmte Konfliktherde in der Intensität erst entfachen konnten und die unterdrückte Bevölkerung im sogenannten "Arabischen Frühling" gegen jene Diktatoren rebellierte, die zuvor von westlichen Mächten unterstützt wurden. Eine nicht nachhaltige Stabilitätspolitik des sogenannten Westens, die auf zu kurzfristige Lösungen setzte, zog also für die Länder Nordafrikas und Westasiens fatale Folgen nach sich. Der sogenannte "Krieg gegen den Terror" entpuppte sich als weiterer Antrieb einer zerstörerischen Dynamik und nicht als Hilfsmaßnahme. Eine neuere Studie beweise, dass dieser Krieg bisher mehr als 1 Mio. Opfer gefordert hätte. Unser Referent wünschte sich an dieser Stelle eine stärkere Einbeziehung des Themas "Arabischer Frühling" in den Unterricht und einen vorsichtigen Umgang mit der medialen Bewertung der Themen "Krieg gegen den Terror" und "Terror" von oft selbsternannten und eher unseriösen Terrorexperten.

Nach einer ca. 45minütigen freien Rede über geopolitische und historische Entwicklungen des Raumes Nordafrika und Westasien, die er stets klar verständlich und mit humorvollen Passagen gespickt, zu vermitteln wusste, gab es für die anwesenden Schüler*innen sehr viel Raum für eigene Fragen. Es entwickelten sich interessante Diskussionen zwischen Dr. Fathollah-Nejad und einzelnen Schüler*innen aus dem Publikum, da der Fachmann sehr geschickt und einfühlsam Impulse aus der aktuellen Forschung einbringen konnte. So wusste er auf die Frage nach dem "Was kann die EU tun?" mit sehr konkreten Lösungsvorschlägen zu antworten: "Wir können die Zivilgesellschaft durch beispielsweise Austauschprogramme fördern, sozio-ökonomische Bedingungen durch faire Handelsbeziehungen verbessern und aufhören Waffen zu liefern." Es wurde bald deutlich, dass die jugendlichen Zuhörer*innen sehr wohl in der Lage sind, sich kritisch zu aktuellen Ereignissen zu äußern und diese auch zu hinterfragen. Mit den Worten des Referenten ausgedrückt: "Erwachsene Experten stellen keine besseren Fragen!" Eine lebendige Debatte wurde über den Streitpunkt geführt, inwiefern es denn möglich sei, eine westliche Demokratie in die Länder Nordafrikas und Westasiens zu transportieren. Dr. Fathollah-Nejad deckte diesbezüglich auf, dass nach aktuellen politologischen Forschungsergebnissen, demokratische Strukturen weder westliche noch östliche, noch sonst irgendwie kulturell gebundene Errungenschaften seien. In unseren Lehrbüchern wird die Geburtsstunde der Demokratie traditionell in der griechischen Antike mit der Entstehung der athenischen Polis gesehen. Allerdings war die Polis ein stark ausgrenzendes System, das Frauen und Metöken (=Fremden) die Teilhabe verwehrte und Mittel der Willkür einsetzte, um Entscheidungsprozesse zu beschleunigen. Demokratische Strukturen der Teilhabe und der Gewaltenteilung, ebenso wie die unteilbaren Menschenrechte seien eher als Ausdrucksformen einer Bestrebung nach sozialer Gerechtigkeit zu werten. Diese Bestrebungen seien jedoch universal und zeitlos, denn das Fehlen sozialer Gerechtigkeit und eines Rechtsstaats führ(t)en überall auf der Welt zu Konflikten und Unrechtsherrschaften. Es gebe wohl eher einen Zusammenhang zwischen Demokratie und sozio-ökonomischen Verhältnissen, als zwischen Demokratie und Kultur.

Alles in allem, schien Dr. Fathollah-Nejad sehr viel Wert auf einen direkten und menschlichen Gedankenaustausch zu legen und sehr viel weniger auf ein distanziertes Dozieren. Die Reflexionen und Lehren, die wir nun als Zuhörer seines Vortrags mitnehmen konnten, lassen sich wie folgt zusammenfassen: 1) Europa und seine Nachbarregion sind als eine gemeinsame Region zu betrachten, in der es schon immer Migration gab, gibt und noch verstärkt geben wird. 2) Kultur ist ein soziales Konstrukt, ähnlich wie Sprache, das erlernbar und wandelbar ist. 3) Für die nachhaltige Wahrung und Sicherung von Frieden braucht es demokratische Grundprinzipien und die Einhaltung universaler Menschenrechte.

In unserem Gästebuch verewigte sich Dr. Fathollah-Nejad mit den Worten: "Vielen Dank für einen spannenden Tag am SGA mit sehr vielen klugen und engagierten Schüler*innen!" Wir können das nur zurückgeben: Vielen Dank für einen bereichernden Tag mit einem klugen und engagierten Kopf der deutschen und internationalen Politologen-Szene. Wir hoffen sehr, dass seine Denkanstöße und aktuelles Wissen, der SGA-Familie eine Perspektive auf aktuelle Probleme und Konflikte aufzeigen konnte, die ihren Fokus auf das legt, was Menschen eint, als auf das, was sie voneinander trennt. Eine Perspektive, die im Sinne einer Menschenrechtserziehung, Frieden statt Krieg lehrt!