Ein Interview mit Dr. Ali Fathollah-Nejad Kurzbiographie - Dr. Ali Fathollah-Nejad ist ein in Berlin und Doha ansässiger Politologe. Ursprünglich stammt er aus dem Iran, zog aber mit seiner Familie im Alter von sechs Jahren ins Ruhrgebiet und wuchs in Essen auf. ...

... Er studierte multilingual in Frankreich, Deutschland und in den Niederlanden Politikwissenschaften, Soziologie & Wirtschaftswissenschaften und promovierte in London.

Zurzeit ist er als Visiting Fellow am Brookings Doha Centre in Katar engagiert. Desweiteren ist er unter anderem Associate Fellow im Programm „Naher Osten und Nordafrika“ der DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik), sowie Associate des „Iran-Projekts“ an der Harvard Kennedy School. Zudem ist er Verfasser zahlreicher Beiträge für internationale Medien.

Er ist regelmäßiger Redner auf politischen Foren und doch konnten auch wir uns freuen, ihn am SGA begrüßen zu dürfen! Am 1. März 2018 hielt er einen Vortrag zu dem Thema „Europa und seine Nachbarregion: Reflexionen und Lehren aus dem Arabischen Frühling bis hin zum Krieg gegen den Terror“ für die Jahrgangsstufen 9, 9+, 10 und die Q11 und Q12.

Siehe auch https://spessart-gymnasium.de/index.php/faecher/ethik/berichte/512- demokratie-und-menschenrechte-sind-universal-dr-ali-fathollah-nejad-spricht-am- sga Im Folgenden ist eine genaue Transkription eines ca. 90minütigen Interviews zu lesen, das das Projekt-Seminar Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage mit Dr. Fathollah-Nejad zwischen zwei Vorträgen in entspannter Atmosphäre führen durfte.

Interviewer: Gohar Halim und Lara Karl (P-Seminar Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage)

Transkription: Artemis Mavroidi (Kursleiterin P-Seminar SoR – SmC)

Sound und Schnitt: Lennart Grünewald (9+a)

Weitere Informationen unter: www.fathollah-nejad.eu.

 

Inhaltsübersicht:

1. Bewertung der aktuellen Situation im Iran

2. Afghanische Flüchtlinge im Iran

3. – 6. Hintergrundinformationen zu den Terrororganisationen Al Qaida und IS

7. Eigene Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen

8. Politisches Engagement von Jugendlichen in Europa

9. Hintergrundinformationen zu Katar

10. Gründe der eigenen Politisierung

11. Akademischer Werdegang

12. Das „soziale“ Wesen des Menschen

13. Schieflage in Deutschland?

14. Mediale Darstellung politischer Themen im internationalen Vergleich (sogenannter „Naher Osten“ versus „Westen“)

15. Gründe der hohen Arbeitslosenquote im Iran

16. Kurze Einschätzung bezüglich des Putschversuches in der Türkei (2016)

17. Thema der Doktorarbeit

18. Neofaschismus im Vergleich zu Neoliberalismus (v.a. in den USA)

 

1. Ich habe von den Protesten in Teheran gelesen. Wie bewerten Sie die Situation im Iran? Lesen Sie meine Artikel! (Lacht.) Ich habe viel dazu geschrieben. In der taz erschien z.B. ein längerer Essay mit dem Titel „Revolte gegen die Revolution“. Meine Publikationen kann man auch unter der author’s page: facebook.com/afnejad nachlesen. Da könnt ihr mich liken und so oder Kommentare unter mein Bild schreiben, die ich sofort lösche… (lacht). Aber ich kann eine Kurzfassung machen. Ich würde bitten, den Rest nachzulesen. Die Proteste, die im Iran zur Jahreswende stattfanden, waren nicht anders als die Proteste im Arabischen Frühling. Das waren auch junge Menschen in eurem Alter, die auf die Straße gingen, und die von Armut und Perspektivlosigkeit betroffen sind. 80-90% der Festgenommenen waren unter 25 Jahre. Das waren die politisiertesten Proteste in der fast vier jahrzehntelangen Geschichte der Islamischen Republik. Die Proteste fanden in über 90 zumeist kleineren Städten Irans statt. Das heißt in allen Ecken des Landes, also wirklich in allen! Die Slogans, die gerufen wurden, kann man in drei Kategorien einteilen: a) Der erste Ruf war der nach sozialer Gerechtigkeit. Ca. die Hälfte der iranischen Bevölkerung lebt am Armutslimit. Offiziell ist 1/3 der Bevölkerung arbeitslos. Inoffiziell sind es 40%. Die politische Mitbestimmung ist kaum gediegen. Es gibt kaum politische Teilhabe, da demokratische Möglichkeiten kaum gegeben sind. Die demokratischen Strukturen sind wohl besser als in den Nachbarländern Irans, weil man zumindest den Präsidenten wählen kann, aber die Kandidaten werden vorher bestimmt. Es gibt also keine echte Wahl, sondern eher die Wahl zwischen dem kleineren und dem größeren Übel bei der iranischen Präsidentschaftswahl. b) Der zweite Ruf war eine Kritik gegenüber allen Fraktionen des Regimes, also gegen die gesamte Elite, was ein Novum war. 2009 bei der Grünen Bewegung gab es auch Unterstützungsrufe für die Reformer. Diesmal waren alle in der Elite gleichermaßen Kritik ausgesetzt. c) Der dritte Ruf drückte eine Kritik gegenüber der Regionalpolitik Irans aus, vor allen Dingen der in Syrien. Die Leute fragten sich, warum gibt der Staat so viel Geld für den Krieg in Syrien aus, wenn es im Inneren genug Löcher gibt, die gestopft werden müssen. Das Verhältnis zwischen Außen - und Innenpolitik wurde also kritisiert. Das bedeutet, dass sich die Islamische Republik in einer beispiellosen, sehr tiefsitzenden Krise befindet. Obwohl die Revolte niedergeschlagen wurde, bestehen die Entstehungsgründe wie beim Arabischen Frühling weiterhin fort. Also ist die nächste Eruption nur eine Frage der Zeit. Vergleiche hierzu auch: http://www.taz.de/!5479480/

2. Meine Eltern kommen aus Afghanistan. Ich selbst bin in D geboren. Ich habe von afghanischen Flüchtlingen gehört, dass sie sich im Iran nicht besonders willkommen fühlen. Können Sie vielleicht was dazu sagen? Es gibt einen Dokumentarfilm des Lifestyle-Magazins VICE, (https://video.vice.com/gr/video/child-refugee- reunification/577f51bcf53d7e30574138db) für das ich übersetzt habe, über afghanische Flüchtlinge. Der Film zeigt, wie sie im Iran diskriminiert werden. Iran war eines der führenden Länder, das überhaupt Flüchtlinge aufnahm. Grund dafür ist, dass Afghanistan immer von Bürgerkriegen und sonstigen Kriegen heimgesucht wurde. Die Afghanen werden im Iran nicht selten abschätzig behandelt. Ungefähr so wie die Deutschen lange Zeit mit den Türken umgegangen sind. Die Lebensbedingungen sind sehr schwierig. Die Kinder hatten lange Zeit keine Möglichkeit, normale Schulen zu besuchen. Mittlerweile haben sie das. Es gibt sehr viele Flüchtlinge, die auf dem Bau zu Hungerlöhnen arbeiten. Sie werden oft von den Behörden diskriminiert und schikaniert. Sie müssen sich beispielsweise in regelmäßigen Abständen bestimmte Aufenthaltskarten holen, die nach vier Wochen wieder die Farbe wechseln. Und dann müssen sie wieder neue Karten kaufen. Sie haben keine wirkliche Perspektive dort. Deswegen gibt es nicht wenige Fälle von Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, die vorher eine gewisse Zeit im Iran gelebt haben und dementsprechend auch Persisch sprechen. Das afghanische Dari ist dem Persischen ja sehr ähnlich. Hinzu kommt, dass afghanische Jugendliche auch in Syrien zum Kämpfen eingesetzt werden, an der Seite des Regimes von Bashar al-Assad. Sie werden vom iranischen Staat gelockt. Man erzählt ihnen, dass sie in Syrien für gute Zwecke kämpfen würden und stellt ihnen in Aussicht, ihren Aufenthaltsstatus und den ihrer Familie dadurch zu verbessern. Den bekommen sie aber nicht immer. Die Realität sieht so aus, dass die Kinder eine kurze militärische „Ausbildung“ erhalten und dann mehr oder weniger als Kanonenfutter dienen. Das ist dann noch eine weitere Dimension, die dazu kommt. Es gibt viele junge Leute, die sterben.

3. In ihrem Vortrag haben sie über Terrororganisationen gesprochen. Wie kam es dazu, dass Terrororganisationen, wie z.B. Al Qaida oder IS so mächtig wurden? Der IS konnte das Kalifat, das er selbst proklamierte, gründen, weil er im Gegensatz zu Terrororganisationen, die es davor gab, wie z.B. Al Qaida, ein Staatskonzept hat. Das bedeutet, dass er bei der Bevölkerung, die er zudem terrorisiert, Steuern eingetrieben hat. Außerdem besetzte er Erdölfelder und verkaufte Erdöl an verschiedene Akteure. So hatte er eine sichere Einnahmequelle. Dabei verkauft er auch an das Assad-Regime selbst, was besonders perfide ist, weil sie eigentlich gegeneinander kämpfen. Der IS verkauft aber auch an die Türkei, die wiederum gegen das Assad-Regime kämpft. Desweiteren hat er Banken geplündert. Inwiefern der IS noch weitere finanzielle Hilfe von bestimmten Staaten bekommt oder bekam, kann man nicht konkret nachweisen.

4. Und woher bekommen sie die Waffen? Die Waffen kaufst du dir auf dem Schwarzmarkt. Ganz am Anfang wurde der IS teilweise auch von den Amerikanern unterstützt. Das Pentagon hat den Aufstieg des IS als durchaus positiv betrachtet, weil man dachte, so die Machtausdehnung des Irans im Irak und Syrien mit Hilfe des IS zurückdrängen zu können, weil der IS sehr antischiitisch ist. Die Iraner sind Schiiten. Deswegen war der Aufstieg des IS anfänglich den Amerikanern willkommen. Später war es so, dass der IS aus irgendwelchen Ländern oder Gruppen innerhalb von Ländern bestimmte finanzielle Hilfe bekam, aber das wissen wir nicht genau. Von der Türkei erhielt er auch Unterstützung, zunächst logistisch auf jeden Fall, denn IS- Kämpfer konnten mühelos die Grenze zwischen der Türkei und Syrien passieren. Das Ganze vor dem Hintergrund dessen, dass Erdogan gegen Assad war, mit dem er früher zusammen in Urlaub fuhr. Plötzlich sind sie Feinde, also lässt Erdogan IS- Kämpfer die Grenzen passieren, weil der IS Assad bekämpft. Es gab bestimmt Unterstützung seitens der Golf-Staaten, Saudi-Arabien und vielleicht noch von kleineren Golf-Staaten und dann auch von der Türkei. Anfänglich eben auch von den USA. Da gab es viele, die mitgemischt haben. Und hinzu kommen die Ressourcen, und damit die Einnahmen, die ich am Anfang erwähnt habe, die dem IS Einkommen ermöglicht haben, unabhängig von finanzieller Unterstützung der staatlichen oder sub-staatlichen Gruppen.

5. a) Wie sind die Terrororganisationen überhaupt entstanden? Eine hab ich gegründet. Lacht. Die andere hat er (deutet auf einen Schüler) gegründet… Alle lachen. Und die dritte will er (deutet auf einen anderen Schüler) machen. Ja, weil die am chilligsten rumhocken. Die besten Voraussetzungen, um Chef von einer Terrororganisation zu sein. Welche Terrororganisation meinst du? Es gibt so viele Terrorgruppen auf dieser Erde.

5.b) Nehmen wir jetzt mal Al Qaida. Ich verstehe nicht, wie die so stark geworden sind und wie sie entstanden sind. Es gibt zwei Kategorien. Die eine ist, sie werden geopolitisch von Staaten gegründet. Ich bin also z.B. ein Staat und will ihn (deutet auf einen Schüler) bekämpfen und dann gründe ich eine Terrororganisation, bilde die aus, gebe ihr Geld und Waffen, damit die dann in meinem Namen ihn bekämpft. Das ist passiert in Bezug auf die Entstehungsgeschichte der Taliban und der Al Qaida. Das war damals im Kontext des Kalten Krieges, also der Auseinandersetzung zwischen den USA auf der einen Seite und der Sowjetunion auf der anderen Seite. Und das waren dann in Afghanistan die Amerikaner, die aus einer islamistischen Internationale aus über 40 Ländern zusammen mit der CIA Kämpfer organisierten, damals auch mit Hilfe von Osama Bin Laden, und so die Taliban gründeten. Sie bildeten also die sogenannten Mudschaheddin, damit die in Afghanistan die Russen zurückschlagen. Afghanistan ist ja im Süden von Russland. (ES GONGT.) War das nicht früher der Jingle von der Tagesschau? (Lachen) Nee, andersherum! (Noch mehr Lachen.) Genau, zuerst Jingle in Alzenau, und dann zur Tagesschau. Ihr seid also Trendsetter. Jingle-Trendsetter! Es gibt also geopolitische Faktoren, die Staaten dazu bringen, Terrororganisationen zu gründen, um andere Staaten zu bekämpfen. Dann gibt es sozioökonomische Faktoren, die dazu beitragen, dass sich junge Menschen radikalisieren und sich Terrorgruppierungen anschließen. Und diese Faktoren sind oftmals geprägt von Diskriminierungserfahrungen. Von Erfahrungen des Ausschlusses, der Exklusion also, und die wirken sehr stark. Deswegen radikalisieren sich junge Leute. Sei es aus persönlichen Ungerechtigkeitsgefühlen oder aber weil sie politische Ungerechtigkeit beobachten und dann Terrorgruppen glauben, dass sie einen Kampf gegen die Ungerechtigkeit führen würden. Sie fallen quasi Rattenfängern in die Hände, die junge Kämpfer rekrutieren. In Deutschland gab es ja auch etliche Leute, auch Schüler, die sich radikalisiert haben. Zu dem Thema gibt es ein empfehlenswertes Buch von Souad Mekhennnet mit dem Titel Nur wenn du allein kommst. Sie ist Halbmarokkanerin und kommt aus Frankfurt am Main. Sie wurde erst bekannt, als sie Deutschland verließ, um bei der Washington Post zu arbeiten. Sie ist die einzige Journalistin, die IS-Kämpfer interviewt hat. Das sind die zwei Dimensionen, weswegen Terrorgruppen entstehen. Das eine schließt das andere auch nicht aus. Auf der einen Seite gibt es Staaten, die Terrorgruppen für ihre eigenen geopolitischen Interessen organisieren, und auf der anderen Seite gibt es Radikalisierungsprozesse, die Terrororganisationen für Menschen attraktiv erscheinen lassen.

6. Schafft es die NATO nicht, gegen diese Terrororganisationen vorzugehen? Nein, denn sie setzen auf militärische Mittel. Mit militärischen Mitteln kann man keine Terroristen bekämpfen.

7. Waren Sie selber schon einmal von rassistischen Beleidigungen, Mobbing oder ähnlichem betroffen? Bestimmt. Ich kann mich gar nicht genau daran erinnern. Ich bin im Ruhrpott aufgewachsen. Dort ist es sehr multikulturell. Ich hatte eine coole Schul- und Grundschulzeit. Ich will nicht von meinen persönlichen Erfahrungen auf andere schließen. Ich war privilegiert. Ich war auf einem Gymnasium, genauso wie ihr. Ist doch ein Gymnasium? (Lachen.) Ja. Das ist ein bayerisches Gymnasium. Ach so, ok. Im Gegensatz dazu war ich auf einer Hauptschule. Das ist dann Gymnasium in NRW. (Lachen) Ich war natürlich privilegiert, genauso wie ihr privilegiert seid, dass ihr auf einem Gymnasium seid. Auch wenn ihr einen Migrationshintergrund habt, habt ihr natürlich auch eine andere Stellung als ein Freund von euch, der auf eine Hauptschule geht. Habt ihr überhaupt Hauptschulen in Bayern? (Lachen) Aber der ist natürlich auf Grund seiner sozialen Zugehörigkeit auch anderen Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt. Du hast jetzt über Rassismus gesprochen. Aber trotzdem spielt die soziale Klasse auch hinein. Ich habe sicherlich auch als Kind Rassismuserfahrungen gemacht. Als ich mit meinen Eltern nach Deutschland gekommen bin und meine Eltern kein Deutsch konnten, war ich derjenige, der für sie übersetzt hat. Das hängt damit zusammen, dass die Kinder die Sprache schneller erlernen und die Deutschen jetzt auch nicht die besten Englisch- Kenntnisse haben. Deswegen kann ich mich als Kind daran erinnern, dass ich schon Rassismus erfahren habe - unterschwellig gegenüber meinen Eltern. Sowas verinnerlicht man ja auch teilweise. Daran kann ich mich sehr gut erinnern. Deswegen mochte ich Deutschland auch lange Jahre nicht. Nicht, dass ich keine schöne Schulzeit in Essen hatte. Hatte ich. Aber ich konnte mich nie richtig anfreunden mit Deutschland. Jahrelang aufgrund dieser tiefsitzenden Rassismuserfahrung, die gar nicht so direkt kam und eher gegen meine Eltern geäußert wurde. Es gibt natürlich persönlichen Rassismus und strukturellen Rassismus. Strukturellen Rassismus gibt es zweifelsohne in Deutschland. Das sagen auch immer wieder alle Studien von Menschenrechtsorganisationen. Das wird auch immer wieder von ihnen skandalisiert. Der strukturelle Rassismus in Deutschland ist stärker ausgeprägt, als in den anderen westlichen Gesellschaften. Aber anders natürlich. In Frankreich ist er nicht weniger, weil die ökonomische Situation dort schlimmer ist. Aber schaut euch mal die führenden deutschen Konzerne an. Da gibt es kaum Menschen mit Migrationshintergrund in den Chefetagen. Die sogenannte Elite. Auch in den Gymnasien. Das mehrgliedrige Schulsystem ist ja auch die absolute Katastrophe, weil es Leute mit Migrationshintergrund schlimmer behandelt als Leute ohne. Leute mit Migrationshintergrund haben sehr viel weniger Möglichkeiten, sozial aufzusteigen, als andere Gruppierungen. Da gibt es ja auch die PISA-Studien, die eine ganz eindeutige Sprache sprechen und Deutschland verurteilen. Strukturellen Rassismus gibt es auch in den Konzernen, in den Medien und auch an den Universitäten. Die multikulturelle Gesellschaft in Deutschland wird dort nicht widergespiegelt. In Deutschland ist ein 1/5 der Bevölkerung mit Migrationsvordergrund äh –hintergrund. Und dieses 1/5 spiegelt sich in keinstem Maße, auch nicht annähernd, innerhalb dieser Top-Positionen unserer Gesellschaft wieder. Weder in den Medien, noch an den Universitäten, noch in den Konzernen. Da ist es sehr, sehr „weiß“. Also „weiß“ in der sozialen Kategorie von „weiß“. Das ist für mich auch, der so einen intellektuellen Beruf macht und auch eine sehr gute Ausbildung hat, ein Thema. Auf der anderen Seite gibt es sehr viel Nachholbedarf in Deutschland. Und es liegt an euch, das in so eine Richtung zu lenken, dass Deutschland wirklich eine inklusive Gesellschaft wird. Das heißt, dass Leute, egal welchen ethnischen Hintergrund oder Geschlecht sie haben, die gleichen Aufstiegsmöglichkeiten bekommen, wie ein weißer und männlicher Deutscher. Da gibt es viel Nachholbedarf. Natürlich bin ich hoffnungsvoll auf die nächste Generation, aber das heißt nicht, dass die nächste Generation jetzt unbedingt viel besser oder toller oder aufgeklärter ist, als die alte Generation. Schaut euch mal die Junge Union an. (Lachen.) Aber im internationalen Vergleich ist das wirklich zum Heulen, weil das hier nicht so sein muss. Es gibt gute Voraussetzungen. Es gibt eine gute Lebensqualität und es gibt einen funktionierenden Rechtsstaat. Es gibt sehr viele tolle Sachen, die sehr gut funktionieren. Und dass wir das trotzdem nicht hinbekommen, dass wir einem Großteil der Bevölkerung, also 1/5 der Bevölkerung, nicht die gleiche Möglichkeit der Entfaltung geben, das wird ja auch nicht zu Gunsten der Zukunft Deutschlands ausfallen. Man muss jedes Talent nutzen. Das bringt ja nichts, wenn die ganzen Talente denken, ich gehe lieber in die USA oder anderswohin. Das passiert ja. Und das ist für die Zukunft Deutschlands natürlich nicht gut.

8. Sind junge gebildete Menschen im Nahen Osten politisch engagierter als Jugendliche in Europa? Tendenziell ja, weil die Probleme dort größer sind. Es geht um reale Missstände, die du siehst, deswegen wirst du politisch aktiv. Und weil die Missstände dort krasser sind, ist die Jugend politisch aktiver. Aber das bedeutet nicht, dass die Jugend in Europa politisch lethargisch ist. Das sieht man ja auch daran, was vor Jahren im Süden Europas passiert ist, z.B. die spanische Bewegung der Indignados. Im Zuge der Finanzkrise gab es eine ganze Protestbewegung im Süden Europas, eben die der Indignados (=die Empörten), die dann zu Podemos führte. In Griechenland gab es die Syriza-Bewegung. Es gab also viele Jugendliche, die eine Perspektivlosigkeit in ihren Ländern sahen und dagegen ankämpften. Oder auch die Initiative um Occupy Wall Street in den USA. Es gibt zahlreiche Fälle, in denen es zu einer Politisierung kommt im Westen. Aber relativ gesehen sind Jugendliche im Nahen und Mittleren Osten politisch engagierter, weil die Probleme dort größer sind.

9. Was sagen Sie dazu, dass Katar Terrorfinanzierung vorgeworfen wurde? Ja, finde ich super. Was ich dazu sage? Das Lustige ist ja, Katar ist unter Blockade seit Juni letzten Jahres von Seiten Saudi-Arabiens, Bahrains, Ägyptens und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Blockade bedeutet, dass die Landesgrenzen geschlossen sind. Zu Saudi-Arabien auf der eine Seite, zu den Emiraten auf der anderen Seite. Im Norden ist der Persische Golf, da ist Wasser. Und das Luftterritorium ist geschlossen. Die Saudis haben versucht, diese Blockade gegenüber Katar, damit zu rechtfertigen, dass Katar terroristische Organisationen unterstütze. Was ein bisschen lustig ist, weil die Saudis das gesagt haben, weil sie ja selber noch fragwürdigere Terrororganisationen unterstützten als Katar. Das ist politische Rhetorik, um ihre eigene Politik zu rechtfertigen. So ähnlich wie mit dem sogenannten „Krieg gegen den Terror“. Der wahre Hintergrund ist ein ganz anderer. Katar ist zwar keine Demokratie, aber Katar ist im Gegensatz zu vielen anderen Ländern am Golf am fortschrittlichsten. Sie investieren sehr viel in Bildung. Sie haben einen Hort verschiedenster politischer Gruppen. Es gibt dort eine hohe politische Diversität. Sie haben auch sehr viel Geld, weil Katar der wichtigste Erdgas-Exporteur der Welt ist. Sie haben das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt, also einen immensen Reichtum. Nun haben sie im Zuge des Arabischen Frühlings andere politische Gruppierungen unterstützt als die Saudis. Deswegen der Streit. Die Kataris unterstützten die Muslimbrüder. Das ist eine islamistische Gruppierung, keine extremistische, sondern fundamentalistisch. So was ähnliches wie eine CSU plus… so ungefähr. (Lacht.) Das war den Saudis ein Dorn im Auge, weil die Muslimbrüderschaft ein alternatives, islamistisches Projekt darbietet, als das saudische wahabitische System. Das war der Hauptzwist zwischen den beiden, neben noch anderen Gründen. Katar hatte, wie man sagt, andere geopolitische Präferenzen. Sie haben andere Gruppierungen unterstützt. Die Saudis wollten das nicht, weil die sich denken, wir sind der Größte, und wir sagen, wo’s lang geht und die Kataris haben gesagt: „Nee wir denken für uns und machen unsere eigene Außenpolitik.“ Und das ist halt der Hauptclinch. Die Saudis wollen, weil sie mit Abstand das größte Land am Golf sind, alle anderen kleineren Länder unter Kontrolle halten. Sie haben einen Alleinvertretungsanspruch, so nennt man das. Und die Kataris haben das Spiel nicht mitgemacht. Und das ist der Hauptgrund. Aber dass die Kataris problematische Gruppen unterstützt haben, ist auch wahr, aber kaum vergleichbar mit denen, die die Saudis finanzierten.

10. Wie kam es dazu, dass Sie sich so für Politik interessierten und diesem Beruf nachgegangen sind? Das habe ich ja im Vortrag kurz gesagt. Nachzuhören unter: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/kolumnen- sendungen/generator/der-nahe-osten-in-berlin-100.html Kurzzusammenfassung: Ich war schon recht früh politisiert, weil mein Vater uns am Essenstisch viel über globale Geschichte erzählte. Unter anderem auch vom Sturz von Patrice Lumumba, dem ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Kongo. Er war ein anti-kolonialer Vorkämpfer, der vom Belgischen Königshaus in Zusammenarbeit mit der CIA regelrecht vernichtet wurde. Daraufhin habe ich mich stark für Afrika und Panafrikanismus interessiert bis hin zur Bürgerrechtsbewegung der Afro-Amerikaner.

11. Was hat Sie dazu bewegt Politologie/Soziologie gleich in mehreren Ländern zu studieren (F/D/NL)? Ehrlich gesagt, ich hatte keine Lust auf Deutschland. Ich habe Abi gemacht in Essen in einem deutsch-französischen bilingualen Zweig. Ich wollte eigentlich Jura in München studieren. Und dann hab ich gemerkt, dass ich gar nicht klar komme, mit den Leuten, die Jura studieren. Dann habe ich mich gegen Jura entschieden und Politikwissenschaften studiert und dann habe ich zufällig an einem Auswahltest mitgemacht und gut abgeschlossen und dann angefangen in Frankreich zu studieren für ein Doppeldiplom. Das könnt ihr auch machen. Ihr müsst nicht doppelt so viel studieren – höchstens anderthalb mal, kriegt aber zwei Abschlüsse. Ihr studiert ein Jahr in einem Land und ein Jahr im anderen. Es ist nicht das doppelte Pensum, aber ihr habt zwei Abschlüsse. Das gibt es mittlerweile mit England, Frankreich und vielen anderen Ländern. Deswegen habe ich im Ausland studiert. Ich habe immer so Doppeldiplomsachen gemacht und war auch nicht begeistert von den deutschen Universitäten, die mir nicht so sehr kritisch erschienen. Und kritisches Denken ist wichtig, damit man weiterlernt. Außerdem sind die deutschen Unis kaum international. Also nicht, dass ich Münster nicht gemocht hätte und nicht, dass jetzt Frankreich sehr viel besser gewesen wäre. Aber relativ gesehen schon. Wenn ihr dann mal nach England geht, dann seht ihr, dass die englischen Unis sehr viel besser sind als die deutschen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie internationaler sind. Da werdet ihr kaum weiße Menschen an den Universitäten sehen. Ihr wisst, wie ich das meine. Nicht, dass weiße Menschen schlecht wären, aber da ist es einfach internationaler. Die Menschen sind im Proporz quasi vertreten. Deswegen bin ich auch nach London gegangen, um zu promovieren, obwohl ich ein Angebot samt Stipendium von der FU Berlin hatte, das ich aber abschlug. Ich hatte also nach dem Studium immer noch keine Lust (lacht) auf die deutschen Universitäten.

12. Gibt es etwas, was Sie (auch hinsichtlich Ihrer Erfahrungen als Politologe) besonders am „sozialen Wesen“ des Menschen fasziniert? Positives? Negatives? Seine Hinterhältigkeit. Das heißt wie wenig die Werte, die wir alle kennen und schätzen eine Rolle spielen und wie viel Opportunismus, Hinterhältigkeit dominieren. Es gibt kaum Leute, die sich für Prinzipien und für die gute Sache einsetzen. Das sagt natürlich auch einiges aus über das soziale Wesen des Menschen, weil man das ja nicht abkoppeln kann.

13. Was läuft Ihrer Meinung total schief zur Zeit? Zur Zeit finde ich am schlimmsten, dass es den Vormarsch des Rechtspopulismus gibt. Diese ganze AFD-Sache. Das hat halt echt etwas Krasses. Wir haben circa 100 Nazis, die sich mehr oder weniger als Nazis darstellen und so reden, die im Deutschen Bundestag sitzen. Das ist ja keine Lappalie. Um die 100 Abgeordneten - [92 Abgeordnete]. Das ist natürlich super krass! Krasser geht’s gar nicht vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte. Also die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs mit den Nazis und der Nazi-Herrschaft und dann die wehrhafte Demokratie als Lehre dessen. Wir sind nicht so wie andere Länder, die auch Nazis im Parlament haben, aber dass es in Deutschland inzwischen normalisiert wird, das hat für mich noch eine ganz andere Qualität. Also ich wohne ja Gott sei Dank jetzt nicht mehr hier (lacht), - also zufälligerweise seit Oktober nicht mehr in Deutschland, aber aus der Ferne alleine, wie ich das über Facebook beobachte, in welche Richtung das geht, das ist schon sehr erschreckend und damit einhergehend ist ja der Verlust an liberalen Werten. Die Universalität der Menschenrechte und der Freiheit: Geschlechterfreiheit, Gleichberechtigung, Freiheit so zu sein, wie man ist. Welches Geschlecht, was für eine Ethnie, welche sexuelle Präferenzen, egal. Dass du so sein kannst, wie du möchtest. Dass diese Werte in meinen Augen, mit dem Vormarsch des Rechtspopulismus eines völkischen Denkens, verteidigt werden müssen, ist schon sehr erschreckend. Und dafür muss es ganz klare Kante geben. Damit muss man sich aktiv auseinandersetzen und gucken, welche politische Strategie am besten ist. Aber es gibt durchaus Möglichkeiten des Widerstandes und Möglichkeiten, dieses ganze Treiben wieder zurückzufahren. Aber dafür muss sich jeder von uns einsetzen. Von alleine geht das sicherlich nicht weg. Das nimmt eher zu. Man kann halt Merkel kritisieren wie man will, aber man darf Merkel und AFD nicht miteinander vergleichen. Zwischen Merkel und AFD gibt es Welten. Die AFD ist eine ganz andere politische Formation. Eine ganz andere Geschichte als jede andere Partei, die im Bundestag sitzt. Das ist wirklich das hässliche Gesicht Deutschlands, vor der die Welt Angst hatte, und Europa Angst hatte und jeder Mensch Angst hatte und das wiederum nun wieder seine Fratze zeigt. (Stille.) Natürlich, soziale Ungerechtigkeit ist auch etwas, das beunruhigt und auch angepackt werden muss, aber man muss beides anpacken. Soziale Ungerechtigkeit und Rassismus, antiliberales Denken müssen beide angepackt werden. Und dass die Deutschen mittlerweile die USA gefährlicher finden, als Russland, das ist irgendwann auch nicht mehr in Ordnung. Die USA hat zwar mehr plutokratische als demokratische Elemente. Das ist auch eine Herrschaft der Geldreichen. Allerdings haben sie eine Justiz, die unabhängig ist. Russland hat keine. Das ist nur eine Herrschaft der Geldreichen. Da gibt es keine Justiz, die unabhängig ist. Das meine ich auch mit dem Zurückdrängen liberalen Denkens. Wir dürfen jetzt nicht vor lauter US Kritik die westlichen Werte über Bord werfen. Die USA machen eine schlimme Politik, OK. Aber das bedeutet nicht, dass wir die andere, schlimmere Seite toll finden. Und die russische Seite unterstützt die AFD. Sie unterstützt die ganzen Faschisten in Europa. Soweit ich weiß, macht das die amerikanische Regierung zumindest gerade nicht.

14. Wie haben Sie die mediale Darstellung und Berichterstattung von politischen Themen wie beispielsweise den Konflikten im Nahen Osten, in den „östlicheren Ländern“ im Vgl. zum „Westen“ erlebt? Gibt es auffällige Unterschiede? Wenn ja, welche? Na klar. Es gibt immer wieder Schablonen, die man überstülpt und die absolut Quatsch sind. Stell dir vor, es gibt einen Journalisten aus dem Nahen Osten, der macht jetzt Deutschlandberichte. Erstens erzählt er, alle Deutschen wären Nazis. Und die Probleme in Deutschland, die sind so zwischen Protestanten und Katholiken. Und die Katholiken sind so richtig zurückgeblieben. Richtig krass und die Protestanten, die wollen halt… und so halt. Das ist natürlich absoluter Schwachsinn. So etwas passiert natürlich auch in der westlichen Berichterstattung im Nahen und Mittleren Osten. Deswegen auch diese Folie von dem Satiriker Karl Sharro, die ich euch gezeigt habe, der das auf die Schippe nimmt. So ist die Region und so. Natürlich gibt es solche Vorurteile, klar. Ich glaube, das Wichtigste ist aber auf der anderen Seite nicht in einen sogenannten Kulturrelativismus zu verfallen. Auf der einen Seite sind Kulturschablonen schlimm. Auf der anderen Seite ist es genauso schlimm zu sagen, ach ja klar, das sind Gesellschaften, die konservativ sind, und dann muss das so sein. Also zu denken, dass bestimmte Sachen woanders durchkommen dürfen, die man sonst schwer akzeptieren würde. Das ist auch wiederum falsch, weil dann unterstützt man andernorts falsche Gruppierungen. Deswegen muss man universell denken. Es gibt Prinzipien und Menschenrechte, die unteilbar sind und die überall Geltung haben sollten. Und der Arabische Frühling ist Beweis dafür, dass die Leute aus ähnlichen Beweggründen und Werten auf die Straße gehen. Man muss die Universalität der Menschenrechte und das Prinzip achten, dass diese Rechte unteilbar sind. Das muss auch die Berichterstattung leiten. Natürlich „speaking truth to power“, also zu den Mächtigen immer die Wahrheit sprechen. Das muss nicht nur der Bürger tun, sondern vor allem auch der Journalist. Keine gemeinsame Sache mit den Herrschenden machen. Diese immer hinterfragen.

15. Wie kam die hohe Arbeitslosenquote im Iran zustande? Das Problem bei denen, die so viel Geld haben, bei den sogenannten Rentenökonomien ist, die bekommen so viel und müssen nix machen. Die hocken so rum, wie ihr gerade und müssen nix machen. Die müssen ja nicht mit dem Ölfass rumlaufen. Öl verkauft sich ja über die Börse. „Musst ja nix machen, kriegst halt voll viel Einkommen.“ Das sind die sogenannten Rentenökonomien. Und dieses Einkommen kommt einfach und was passiert? Du verteilst das erst mal unter deinen Freunden und unter deinen Leuten, um deine Herrschaft zu sichern. Das heißt du betreibst Klientelismus und den Rest verteilst Du ein bisschen unter den Leuten, um die ruhig zu stellen. Aber du investierst nicht in eine sogenannte Diversifizierung der Wirtschaft. Du investierst nicht in Industrien, die arbeitsplatzschaffend sind. Und die Ölindustrie ist kapitalintensiv, weil sehr viel Kapital involviert ist, aber das schafft keine Arbeitsplätze. Es gibt eine strukturelle Ursache dafür, dass die Gesellschaften, obwohl die so viel Kohle haben, überhaupt keine Arbeitsplätze schaffen, sondern eine politische. Das ist der Hauptgrund. Und die Gelder, die da sind, die sind in den Händen von sehr wenigen, die sowohl wirtschaftliche als auch politische Macht in den Händen halten. Der große Teil der Bevölkerung ist ausgeschlossen.

16. Ich habe von dem Putschversuch Erdogans gehört und zwar wollte ich wissen, ob Sie denken, dass da was dran ist? Das weiß ich nicht. Aber das ist halt alles ziemlich merkwürdig. Die offizielle Version ist Quatsch, glaube ich. Ich glaube, dass das, was wir ungefähr sagen können ist, dass er wusste, was von manchen Gruppierungen innerhalb des Militärs geplant war. Diese Gruppierungen waren nah an der Gülen-Bewegung, mit deren Mitgliedern er übrigens früher sehr eng befreundet war. Er hat einfach diese Situation genutzt, um eine Säuberung vorzunehmen, gegen Tausende von Staatsbediensteten und anderen, um seine Macht weiter zu konsolidieren.

17. Worum ging es in Ihrer Doktorarbeit? Die habe ich gekauft. Lautes Lachen. Es gibt ja Leute, die Doktorarbeiten schreiben über Falafel und Döner in Neukölln und in Kreuzberg. Hätte ich auch machen können. Ich mache dann meine Professur darüber. (Lacht.) Nee, meine Doktorarbeit ging um Irans internationale Beziehungen in den 2000er Jahren vor dem Hintergrund globaler Machtverschiebung. Recht pluridisziplinär. Alles Mögliche, was du dir vorstellen kannst, ist drin. Also quasi, „Döner mit allem!“ (Lautes Lachen.) Sorry, ich bin ein bisschen müde. Ich quatsch schon so komische Sachen. „Und scharf!“ Nee, „Döner mit alles!“, sagt man im Dönerladen. Die Grammatik fällt aus im Dönerladen. Auch bei den Deutschen, die immer so tun, so ey du musst richtig Deutsch sprechen, aber „Döner mit alles!“

18. Glauben Sie, dass Trump eine Gefahr ist für die Demokratie in Amerika oder wird das alles ein bisschen übertrieben in den Medien? Trump ist die logische Konsequenz des amerikanischen Systems. Wenn man Forschungsarbeiten liest, wird einem vermittelt, dass die USA keine saubere Demokratie sei. Es gibt Demokratien auf verschiedenen Levels. Deutschland ist recht demokratisch, Skandinavien auch, und dann kommen erst ganz später die USA. Aber wieso wird denn die USA als nicht so demokratisch eingeschätzt? Sie haben natürlich demokratische Aspekte. Klar. Es gibt eine große Meinungsfreiheit in den USA, eine unabhängige Justiz und so weiter und damit Gewaltenteilung. Was sehr wichtig ist innerhalb einer Demokratie. Aber es gibt einen sehr starken Aspekt der Plutokratie, der Herrschaft der Geldreichen. Du kannst ja gar nicht Kandidat werden, ohne dass du voll viel Kohle hast. Du musst Millionen von Dollar eintreiben, damit du wählbar wirst. Und das ist dann natürlich eine große Hürde in einem System. Das gibt es in Deutschland Gott sei Dank nicht. Deswegen ist die Tatsache, dass Trump Präsident werden konnte, eine Folge aus diesem Geldaspekt. Der ist ja sehr reich. Und natürlich auch aus dem Celebrity-Aspekt. Der ist wie Thomas Gottschalk. Oder es ist so, als ob Günter Jauch Bundeskanzler werden würde, weil jeder den vom Fernsehen kennt. Und dieser hat das dann für sich in Anspruch genommen und hat die Unzufriedenheit der Menschen gegenüber den etablierten Parteien genutzt, die durchaus keine gute Politik gemacht haben. Aber er selbst ist natürlich nicht ungefährlich, weil er überhaupt nicht vorherzusehen ist. Dadurch dann auch die white supremacists, also die Weizen (verspricht sich) die weißen Nazis, … die Weizen-Nazis? Ist das das Wort für die CSU oder was? (Lacht.) Also die white supremacists sind ja die Nazis in den USA. Supremacy heißt ja Überlegenheit. Die gehen davon aus, dass die weiße Rasse überlegen ist. Für die ist Trump voll der Superstar. Das ist dann ja auch das Beunruhigendste, auch in Bezug auf die Demokratie, weil unter Trump auch viel rechte Gewalt stattfindet. Das wäre ja unter Hillary Clinton so nicht gewesen, obwohl ihre Politik ja auch nicht unbedingt gut ist. Aber im Endeffekt gibt es einen wichtigen Unterschied. Hillary Clinton wurde Neoliberalismus vorgeworfen, quasi ein gesellschaftliches Projekt, was zu Gunsten der Elite geht und kaum den anderen Schichten der Bevölkerung zu Gute kommt. Das ist Neoliberalismus. Aber Trump ist ein Vertreter des Neofaschismus. Und Neofaschismus ist in meinen Augen sehr viel gefährlicher als Neoliberalismus. AFD ist Neofaschismus, also eine neue Art von Faschismus. Und der Unterschied zwischen Neofaschismus und Neoliberalismus ist ganz einfach. Das siehst du halt an deinem Freund, der Türke ist oder an deiner Freundin, die Türkin ist, weil für ihr Leben macht es schon einen großen Unterschied, ob die AFD an der Macht ist oder aber, sagen wir mal, die CDU, obgleich beide vielleicht die gleiche Wirtschaftspolitik machen und sie arm halten und ihren deutschen Freund auch. Aber dass sie aufgrund der Art und Weise wie sie aussieht, in einem neofaschistischen System unter der AFD oder Trump sich einfach nicht in ihrer Haut gut fühlen kann und unter Umständen auch in ihrer Existenz bedroht ist, ist natürlich eine ganz andere Kategorie. Also Neofaschismus ist immer gefährlicher als Neoliberalismus. Das kann deine Existenz gefährden und Gewalt heraufbeschwören.

ES GONGT. Die Tagesschau am SGA ist zu Ende...

[Ein Klick ins Bild startet die Bilderschau]